Die Gesamtkonzeption unseres Waldkindergartens gliedert sich in fünf Teile:
| I. | Beweggründe |
| II. | Übergeordnetes Ziel |
| III. | Pädagogisches Konzept |
| IV. | Kindergartenordnung |
| V. | Verhaltensregeln im Wald |
"Das Schönste ist, dass wir immer draußen sind."
Vincent, 4 Jahre, Waldkindergartenkind
Kinder wollen zu jeder Jahreszeit die Natur erkunden - ob es stürmt oder schneit, spielt dabei keine Rolle.
Der Wald ist ein besonders geeignetes Umfeld für Bildungsprozesse im Kleinkindalter.
Hier können Kinder ihren Forscherdrang voll ausleben. Der Wald bietet ihnen unendliche Möglichkeiten Erfahrungen zu machen:
Die Kinder sind umgeben von Material, das zum Spielen anregt und ihre Fantasie beflügelt.
Es gibt immer wieder neue Rollenspiele; Aktionen und Basteleien gehen nie aus.
Hier im Wald können sich die Kinder ausprobieren, klettern, balancieren und springen;
sie können Abenteuer erleben und gemeinsam schwierige Situationen und Aufgaben bewältigen.
Sie können sich in Naturbeobachtungen vertiefen, dabei verweilen und zur Ruhe kommen.
Mit Kindern in den Wald zu gehen heißt, auf Entdeckungsreise zu gehen.
Dabei werden die Inhalte des Tages überwiegend von der Umgebung und dem Interesse der Kinder daran bestimmt.
Bildungsarbeit im Waldkindergarten bedeutet vor allem das permanente Bereitstellenkönnen von Primärerfahrungen;
d. h. z. B. die Kinder können Lebewesen immer direkt beobachten, sie anfassen und damit agieren.
Das hier vorgelegte Konzept dient als Rahmenfestlegung für die pädagogische Arbeit und die organisatorischen
Notwendigkeiten des Waldkindergartens.
Es zeigt die übergeordneten Ziele auf, die im Rahmen der Arbeit mit den Kindern erreicht werden sollen.
Die konkrete Umsetzung dieser Ziele erfolgt im täglichen Umgang mit den Kindern.
Die festen Regelungen sind in der Kindergartenordnung festgehalten.
Dabei ist das Konzept nicht als starres Dokument zu betrachten.
Es wird auf Grund der zu machenden Erfahrungen regelmäßig überarbeitet und an die tatsächlichen Gegebenheiten angepasst.
Das Ziel des Kindergartens ist es, die Grundlage dafür zu schaffen,
dass das Kind Selbstvertrauen bekommt und sich zu einer selbstständigen, verantwortungsbewussten und gemeinschaftsfähigen
Persönlichkeit entwickelt.
Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Unterstützung und Förderung der Selbstentwicklungsfähigkeiten und -kräfte.
Förderung bedeutet hier, dem Kind Raum zur Entwicklung zu lassen, es zu beobachten und es zum geeigneten
Zeitpunkt zu unterstützen und ihm angemessene Angebote zu machen.
Fördern bedeutet konkret oft den Kindern zu helfen, es selbst zu tun.
Jedes Kind ist schon eine eigenständige Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen, mit Fähigkeiten und Potentialen,
die es zu entfalten gilt.
Wichtig für die pädagogische Arbeit ist es, die Kinder und ihre Fragen ernst zu nehmen; d. h. Antworten möglichst auf
verschiedenen Ebenen anzubieten, vor allem auch durch eigenes Erfahren und Experimentieren.
Im Rahmen des Kindergartenalltags ist es uns wichtig, ein gutes Gruppenklima zu schaffen, in dem sich jedes Kind integrieren,
entfalten und wohlfühlen kann.
Unser Bildungs- und Erziehungsauftrag erfolgt durch die Umsetzung des Konzepts auf drei Ebenen:
Diese Ebenen treten im Leben nicht getrennt in Erscheinung, sondern beeinflussen sich permanent gegenseitig.
Mit diesem Pädagogischen Konzept bewerten wir die konzeptionellen Besonderheiten des Waldkindergartens vor dem Hintergrund allgemeiner pädagogischer und entwicklungspsychologischer Überlegungen. Dabei gehen wir insbesondere auf die spezifischen Aspekte und Vorteile der Waldkindergarten-Pädagogik differenzierter ein.
1. Bewegungs- und Körpererfahrung (Förderung der kindlichen Psychomotorik)a) Im Wald
Wenn Kinder sich bewegen, lernen sie nicht nur, ihre Muskeln zu gebrauchen
und ihr Gleichgewicht zu beherrschen. Die Entwicklung der Bewegungsmöglichkeiten ist
untrennbar verbunden mit der Entwicklung des Denkens, des Fühlens und der Sinnesempfindungen.
Die freie und ungestörte Bewegungsentwicklung ist die Basis allen weiteren kindlichen
Lernens.
Der Wald bietet eine Vielzahl an Bewegungsanlässen und -möglichkeiten. Die Kinder haben Raum, sich spontan und frei zu bewegen. Das meist unebene Gelände, von Wurzeln durchsetzt, mal aufsteigend, mal abfallend, mal hart und steinig, mal weich und mit Moos bedeckt, alles ist eine Herausforderung für das kindliche Nervensystem. Die Kinder passen sich an und trainieren: sie klettern, balancieren, springen, hangeln sich hoch, rennen oder kugeln hinunter. Dadurch lernen sie, Gefahren einzuschätzen, sie zu bewältigen oder zu meiden.
Sie erleben die Möglichkeiten und die Grenzen ihres Körpers und lernen diese zu akzeptieren. Dadurch wächst das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in selbstständiges Handeln.
b) Wassergewöhnung
Wasser übt auf Kinder eine faszinierende Wirkung aus und ermöglicht ihnen, vielfältige Körper-, Sinnes- und Umwelterfahrungen zu machen. Der Umgang mit Wasser bedeutet ein elementares Lernen, das einem Grundbedürfnis von Kindern nachkommt. Die Wassergewöhnung ist ein wichtiger pädagogischer Baustein u.a. in der Bewegungsförderung. Damit sich Kinder sicher im und am Wasser bewegen können, führen wir sie im Rahmen regelmäßiger Schwimmbadbesuche an das Element Wasser heran.
2. Sinneswahrnehmung und ihre FörderungKinder nehmen die Welt mit allen Sinnen wahr, sie erkunden sie über das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten und alle anderen Bewegungsempfindungen. Wer nichts wahrgenommen hat, kann auch keine Fragen stellen, keine Experimente machen, keine Erklärungen aufnehmen.
Der Wald bietet eine Fülle von Sinnesreizen, real und authentisch durch unmittelbare Begegnung. Jeder Stock hat eine andere Oberfläche, modriges Holz riecht anders als frisch geschlagenes, das Moos auf dem Waldboden ist weich, Blätter rascheln, der Waldboden dampft nach einem Sommerregen, das Leben wimmelt unter einem hochgewuchteten Baumstamm, auf der Borke schiebt sich eine Raupe Millimeter um Millimeter vorwärts. All das veranlasst zum genauen Hinsehen. Der Wald erschließt sich erst im Verweilen.
Andere Dimensionen von Zeit, Ruhe und Ausdauer entwickeln sich beim Beobachten der Entdeckungen und weiteren Untersuchungen. Kinder wollen und müssen experimentieren, um nachdenken zu können. So wechseln sich Toben, Rennen und Klettern mit konzentriertem, ruhigem, in sich gekehrtem Erforschen ab.
3. NaturerfahrungIm täglichen Umgang mit der Natur und mit Naturmaterialien erleben die Kinder hautnah die sich wiederholenden Abläufe ihrer Umwelt. Sie spüren den tatsächlichen Rhythmus der Jahreszeiten, die unterschiedlichen Qualitäten von Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Sie erleben das Wetter: Sonne, Regen, Wind, Schnee und Kälte. Und sie erleben, wie Pflanzen und Tiere sich den Jahreszeiten anpassen. Sie beobachten das Entstehen, Wachsen und Vergehen. Sie bekommen ein Empfinden für die Kreisläufe in der Natur und dass alles seine eigene Zeit hat.
Die Kinder werden aufmerksam auf die Zusammenhänge und Abhängigkeiten im Leben von Pflanzen, Tieren und Menschen (z. B. "Wer frisst wen?"). Die Kinder spüren die Ruhe und gleichzeitig die Lebendigkeit des Waldes. Die äußere Vielfalt spricht auch die innere Vielfalt, die innere Lebendigkeit des Kindes an.
Die Waldkindergarten-Kinder erfahren den Wald als Zuhause, als vertrauten Ort, als ihren Wald. Im Spiel mit und in der Natur kommen die Kinder immer wieder mit Tieren und Pflanzen in Berührung. Dem Unbekannten, vielleicht Ekel- und Angsterregenden zu begegnen und es sich vertraut zu machen, stärkt das Selbstwertgefühl. Die Kinder lernen achtsam zu sein, um eine Ameise auf dem Finger laufen zu lassen, um Tiere, die sie beobachten wollen, nicht zu erschrecken, um etwas, das sie aufheben wollen, nicht zu verletzen. Sie entwickeln so Nähe und Verbundenheit zu anderen Lebewesen. Solche Erlebnisse im Kindesalter schaffen die Grundlage für einen, auch in späteren Jahren, respektvollen Umgang mit allem Lebenden.
4. Phantasie, Kreativität und SpielmaterialIm Waldkindergarten spielen die Kinder mit Dingen, die die Natur bietet, z. B. mit Stöcken, Steinen, Blättern, Gräsern, Kastanien, Eicheln, Tannenzapfen, Rinde, Moos usw. All diese Dinge haben keinen vorbestimmten Spielzweck; sie regen zum selbstständigen Gestalten, zum Experimentieren, zum Erfinden an. Nur das, was Kinder brauchen, wird zu ihrem Spielzeug. Kinder entwickeln ihre eigenen Bilder, der Stock wird zur Bohrmaschine und vielleicht kurze Zeit später zur Angel, mit der man "Blätter-Fische" angelt; ein umgekippter Baum wird zum Ladentisch, Tannenzapfen, Blätter und Federn zu den Waren. So bieten die vielfältigen Materialien unerschöpfliche Möglichkeiten zum Spielen.
Geschichten, Märchen, Rollenspiele und Lieder bekommen in der Natur eine sehr lebendige Kulisse.
So ist der Wald als Spielplatz immer aktuell; er lenkt die Kinder nicht vom eigenen Erleben ab, sondern fördert die Auseinandersetzung damit und trägt so erheblich zur Unterstützung des inneren Gleichgewichts bei.
5. Soziales LernenIm Waldkindergarten nimmt das Leben in der Gruppe einen wichtigen Stellenwert ein. Die Kinder sind aufeinander angewiesen, schon deshalb, weil in der Natur schwierige Situationen oft nur durch gegenseitige Hilfe zu meistern sind, z.B. das Besteigen eines Hügels oder das Tragen eines langen Astes.
Überhaupt fordert der Wald zum gemeinsamen Spiel auf. Hier wird Verstecken gespielt, werden Tiere und Pflanzen erforscht, und vor allem wird im gemeinsamen Rollenspiel in die unterschiedlichsten Rollen geschlüpft. Hierbei lernen die Kinder eigene Interessen zu erkennen und zu vertreten, selbst Spielregeln zu entwerfen und untereinander abzustimmen. Das gemeinsame Erleben stärkt das Gruppenbewusstsein. Sich als Bestandteil einer Gruppe Gleichgesinnter zu fühlen, vermittelt Geborgenheit.
Die beruhigende Atmosphäre in der Natur, die Weite des Waldes und die Möglichkeiten sich auszutoben oder sich aus dem Weg zu gehen, vermindern das Aufstauen von Aggressionen.
Die Kinder lernen im Umgang mit den anderen Kindern, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und die Konsequenzen ihres Tuns zu tragen.
Durch die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder in der Gruppe lernen sie die Schwierigkeiten und Vorteile des Zusammenlebens kennen. Die Notwendigkeit und das Einhalten von Regeln werden somit aus eigener Einsicht nachvollziehbar.
Unter dem Gesichtspunkt, sich mit seinen eigenen Interessen und denen der Gruppe auseinanderzusetzen, ist es wichtig, dass die Kinder sich an Planungen beteiligen, dass sie abstimmen und Aufgaben übernehmen.
In altersgemischten Gruppen können Jüngere von Älteren lernen. Ältere können Verantwortungsbewusstsein gegenüber Jüngeren entwickeln. Die Kinder lernen Rücksicht zu nehmen, Verständnis zu haben, Geduld zu entwickeln, sich selbst zurückzunehmen und in die Gruppe einzugliedern; Hilfsbereitschaft wird selbstverständlicher, ebenso wie der Austausch im Gespräch. Jedes Mitglied der Waldkindergarten-Gruppe ist im besonderen Maße als Helfer und Wissensvermittler gefordert. Auf der Basis des Aufeinanderangewiesenseins wird die soziale Kompetenz der Gruppe und des Einzelnen gestärkt.
6. GesundheitDie Gesundheit der Kinder wird durch den ständigen Kontakt mit der Natur gestärkt. Dadurch, dass sie fast immer in Bewegung sind, entwickeln sie eine gute Kondition. Wind und Wetter ausgesetzt zu sein, härtet ab und stärkt das Immunsystem.
7. SchulfähigkeitNeben zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen zu Waldkindergärten im allgemeinen liegen mittlerweile auch empirische Studien zum Thema ‚Schulfähigkeit von Waldkindergartenkindern', z. B. von Prof. Roland Gorges (FH Darmstadt, 1999), vor.
Das Ergebnis dieser genannten Studie belegt, dass der Waldkindergarten sehr günstige Lernbedingungen "für die Unterstützung der körperlichen, psychomotorischen, kognitiven, motivationalen und sozialen Entwicklung der Kinder" bietet.
Kinder, die im Vorschulalter viele Gelegenheiten hatten, ihrem Bewegungsdrang nachzugeben, können sich besser konzentrieren. Diese Kinder werden von den Lehrern in allen abgefragten Lern- und Verhaltensbereichen besser eingeschätzt als der Durchschnitt der Klasse.
Gorges stellt außerdem fest, dass Kinder aus Waldkindergärten für ihr Alter überdurchschnittlich reif sind, was ihr Sozialverhalten, ihre Lernmotivation und die Entwicklung ihres Lernverhaltens anbelangt.
Die Fähigkeit, Probleme eigenständig zu lösen, eine der wichtigsten Forderungen aus den Ergebnissen der PISA-Studie, wird durch das forschende Entdecken im Waldkindergarten in idealer Weise gefördert.