Der Künstlergarten Bossard in Niedersachsen

aus: Stadt&Grün, Heft 6/2000

Der fast drei Hektar große Garten mit Wohnhaus und Kunsttempel des Künstlerehepaares Johann und Jutta Bossard liegt in einem Waldstück der Gemeinde Jesteburg in der Nordheide. Die Gestaltung der Anlage begann 1913 und war in den 30er Jahren weitgehend abgeschlossen. Jutta Bossard rief 1995 die Stiftung "Kunststätte Johann und Jutta Bossard" ins Leben, um die Anlage zu retten. Heute ist das Gesamtkunstwerk dem Freilichtmuseum am Kiekeberg in Ehestorf als Außenstelle zugeordnet und öffentlich zugänglich.

Wohnhaus und Kunsttempel der Kunststätte Bossard

Wohnhaus und Kunsttempel der Kunststätte Bossard

Die sich daraus ergebenden veränderten Möglichkeiten zum Erhalt und zur Pflege des Parks waren Anlaß für die Verfasser, sich im Rahmen einer Projektarbeit am Institut für Grünplanung und Gartenarchitektur der Universität Hannover mit der Entstehung und Entwicklung der Anlage, sowie deren heutigem Zustand und angemessenen Maßnahmen zur Erhaltung und Wiederherstellung des Parks zu beschäftigen.

Entstehung der Anlage

Johann Michael Bossard wurde 1874 in der Stadt Zug in der Schweiz geboren. Nach einer Lehre als Ofenbauer führte er seine Ausbildung in Bildhauerei und Malerei an verschiedenen Kunstgewerbeschulen und Akademien in München und Berlin fort. Nach einer Studienreise nach Italien 1905 bewarb er sich 1906 um ein Lehramt an der Kunstgewerbeschule in Hamburg, wo er von 1907 bis zu seiner Pensionierung 1944 als Lehrer für Bildhauerei tätig war. 1911 reiste Bossard zum ersten Mal in die Lüneburger Heide und war von der Landschaft derartig begeistert, daß er noch im gleichen Jahr dort ein Grundstück kaufte, um darauf ein Wohn- und Atelierhaus zu errichten. 1913 wurde sowohl mit dem Bau des Hauses als auch mit der Anlage des Gartens begonnen. In diesen ersten Jahren entstanden zunächst bis zu vier zur Grundstücksgrenze parallele Baumreihen aus Fichten und Birken, die das Gelände einfassen und von außen uneinsehbar machen, was auch eine Auflage der Gemeinde Jesteburg zur Genehmigung des Bauantrages war. Ebenfalls in diese Zeit fallen die Anlage eines Gemüsegartens, eines Obst- und eines Steingartens, wahrscheinlich auch die Bepflanzung des nördlichen Viertels des Grundstücks mit Fichten in der Form des griechischen Buchstabens Omega. 1926 heiratete Bossard seine Schülerin Jutta Krull. Noch im gleichen Jahr wurde mit dem Bau des Kunsttempels begonnen. Um 1930 ist ein Baumtempel mit Tempelvorplatz als vegetatives Gegenstück zum Kunsttempel entstanden. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1944 diente das Haus in Jesteburg als Wochenend- und Ferienhaus. Erst danach übersiedelten Bossards ganz in die Nordheide. 1950 verstarb Bossard. Die Urne mit seiner Asche wurde unter einem großen Findling am Ende einer Monolithenallee, die ebenfalls um 1930 gesetzt wurde, auf seinem Grundstück begraben. Seine Frau Jutta versuchte bis zu ihrem Tod 1996 mit ganzer Kraft die Kunst ihres Mannes, und damit auch den Garten, zu erhalten.

Bestandsplan der Anlage 1998

Bestandsplan der Anlage 1998

Gartenkünstlerische Qualitäten

Auf seinem Grundstück in der Lüneburger Heide strebte Bossard ein Gesamtkunstwerk an, in dem die Gartenkunst eine wichtige Rolle spielte. Eine einzelne Stilrichtung läßt sich dabei nicht feststellen, vielmehr übertrug er das ihm eigene Kunstverständnis auf den Garten, wo er mit einfachen Mitteln die Themen "Werden und Vergehen", "Licht und Schatten" sowie die "Einigung von Kunst, Religion und Natur" vor allem symbolisch darzustellen vermochte. "Werden und Vergehen" findet sich in bildlicher Weise im Garten z.B. in Form des aus Fichten gepflanzten griechischen Buchstabens Omega, als ein Symbol für das Ende in der abendländischen Kultur. Eng damit verbunden ist der Kontrast zwischen Hell und Dunkel. Im Bossardschen Garten spiegelt sich dieses in den dunklen grenzbegleitenden Fichtenreihen wider, die in rhythmischen Abständen von hellaubigen Birken unterbrochen werden. Sein Wunsch, Kunst, Religion und Natur zu vereinen, wird in der Anlage des Baumtempels mit Tempelvorplatz als Gegenstück zum Kunsttempel oder auch in der Monolithenallee als künstlerische, mit natürlichen Materialien gestaltete Grabstätte sichtbar.

Die Gestaltung des Gartens folgt den individuellen Kriterien eines Bildhauers und Malers. Die verschiedenen Elemente des Gartens sind innenbezogen, was auch dem introvertierten Charakter Bossards entspricht. So wird die gesamte Anlage von bis zu vier grenzparallelen Baumreihen eingefaßt. Die eigentlichen Elemente, wie das Omega oder der Baumtempel, bilden erneut in sich abgeschlossene Räume. Da die Gestaltung gänzlich auf befestigte Wege verzichtet, verstärkt sich der Eindruck der Abfolgen unterschiedlicher Räume.

Bossard wählte besonders kontrastreiche Gehölze nach ihrer Form- und Farbwirkung aus, z.B. im Einsatz von Fichten und Birken. Die Bildwirkung und die Erlebbarkeit der einzelnen Gartenelemente ist heute jedoch beeinträchtigt, denn die Fichten sind ausgewachsen und unten verkahlt.Auf blühende Gehölze oder die Verwendung von Stauden wurde mit Ausnahme des Obst- und Blumengartens verzichtet.

Die einzelnen Gartenpartien sind nicht nur gestalterisch sondern auch funktional unterschiedlich. So stellt die Anlage nicht nur eine Kulisse für Skulpturen dar, sondern weist immer wieder bewußt verschlüsselte Inhalte auf. Dies trifft besonders auf die Bereiche zu, die einen gewissen mystisch-sakralen Charakter aufweisen (Omega, Monolithenallee, Baumtempel mit Tempelvorplatz) und damit den Besucher zum Nachdenken anregen.

Zustand der Monolithenallee um 1950

Zustand der Monolithenallee um 1950

Zustand der Monolithenallee 1998

Zustand der Monolithenallee 1998

Andere Bereiche tragen der damaligen Notwendigkeit zur Selbstversorgung Rechnung (Obst- und Gemüsegärten, Acker und Tierhaltung). Hinzu kommen Bereiche, die einen eher privaten Charakter aufweisen und die Schönheit der Natur hervorheben, wie im Klostergarten, der Birkenlaube und der Heidelandschaft.

Bossard setzte sein individuelles Kunstverständnis über vielzählige Kunsttechniken wie Malerei und Bildhauerei hinaus auch mittels der Gestaltung einzelner Partien seines Gartens um. Somit ist der Bossardsche Garten als Teil einer begonnenen Vision eines Gesamtkunstwerkes anzusehen, während andere zeitgenössische Künstler ihre Gärten wohl überwiegend lediglich als Kulisse für ihre Kunst angelegt haben mögen. So nutzte beispielsweise der Bildhauer, Baumeister und Graphiker Bernhard Hoetger (1874-1949) den vorhandenen Platanenhain in der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe in Darmstadt, um darin Skulpturen aufzustellen. Auch Gartenanlagen bei Atelierhäusern von Künstlern, wie z.B. von Georg Kolbe (1877-1947) in Berlin oder Ernst Barlach (1870-1938) in Güstrow, dienten in erster Linie als Außenraum der Werkstatt, während Bossard auch seine Atelierräume und den Außenraum künstlerisch ausgestaltete. Darüber hinaus bezogen zeitgenössische Maler, wie z.B. Heinrich Vogeler (1872-1942) oder auch Claude Monet (1840- 1926), den Außenraum dahingehend in ihr Kunstschaffen ein, als daß der gestaltete Außenraum immer wieder als Motiv ihrer Malkunst diente.

Anmerkungen zum Denkmalwert

Künstlergärten mit einem individuellen Charakter, wie ihn die Kunststätte Bossard vorweist, sind selten anzutreffen. Anwesen in Künstlerkolonien, wie der Darmstädter Mathildenhöhe oder in Worpswede, demonstrieren eher das Kunstschaffen mehrerer Künstler einer Gemeinschaft an einem Ort ohne den stark individualistischen Charakter eines Anwesens einer zurückgezogen lebenden Einzelperson wie bei Johann Michael Bossard. In Niedersachsen läßt sich mit dem Hermann-Allmers-Heim in Sandstedt-Rechtenfleth an der Unterweser noch eine Anlage eines Künstlers erwähnen, die ebenfalls durch ihre Eigenwilligkeit auffällt. Dort sind Gartenelemente zu finden, wie z.B. ein heiliger Hain mit der Skulptur seiner Hüterin, die die Besucher begrüßt. Darüber hinaus dient dieser Garten auch eher als Aufstellungsort diverser Reiseandenken in Gestalt von Vasen oder Kübelpflanzen aus Italienreisen Hermann Allmers´ in den Jahren 1848/49. Ein weiterer deutlicher Unterschied zum Bossardschen Anwesen mit dessen Innenbezogenheit zeigt sich bei Hermann Allmers in der Ermöglichung von freien Blicken in die Umgebung oder der Verwendung von Skulpturen als "Points-de-vue", z.B. am Ende einer Allee.

Die besondere Bedeutung der Kunststätte Bossard liegt in ihrer eigenwilligen Gestaltung, einer Verbindung von Architektur, Malerei, Bildhauerei, Kunsthandwerk und Gartengestaltung, die mit ihren eklektizistischen Tendenzen Geistesströmungen der damaligen Zeit aufgreift. So kommt die Vision eines Kunsttempels, die Bossard 1925 in seiner "Werbeschrift an meine Freunde" erläutert, den Tempelentwürfen nahe, die Hugo Höppener (1868- 1948), ein eklektisch gerichteter Zeichner und häufig im Dienste von Reformbewegungen und mystisch-theosophischer Ideen stehender Künstler, um 1900 anfertigte. Das Erscheinungsbild des Wohnhauses und die Bewahrung und Integration eines Ausschnitts der Lüneburger Heide deuten auf damalige Bestrebungen des Heimatschutzes hin.

Die Gartenanlage des Bossardschen Gesamtkunstwerkes wurde seit ihrer Entstehung Anfang des Jahrhunderts nur geringfügig verändert. Aufgrund eingeschränkter Pflegemöglichkeiten werden seit dem Tod Bossards im Jahr 1950 die Elemente zunehmend in ihrer Ausdrucksstärke bedroht. Die Verfasser schlagen deshalb notwendige Maßnahmen vor, um die Anlage zu restaurieren und langfristig zu erhalten.

Maßnahmenplan aus Bratner/Möller, 1999

Maßnahmenplan aus Bratner/Möller, 1999

Diese stützen sich dabei überwiegend auf ergänzende Nachpflanzungen, um die stellenweise bereits verlorengegangene Raum- und Bildwirkung der Elemente wieder zum Vorschein zu bringen. Ebenso wichtig sind Auslichtungen und Regenerationsmaßnahmen, z.B. im Bereich des oben bereits erwähnten, aus Fichten gepflanzten Buchstaben Omega im nördlichen Gartenteil. Die veränderten Möglichkeiten, die sich seit 1995 durch die Einrichtung der Stiftung "Kunststätte Johann und Jutta Bossard" bieten, sollten im Interesse der Erhaltung des Kulturdenkmales genutzt werden.

Lesehinweise:
BRATNER, Wenzel und MÖLLER, Sina (1999): Kunststätte Bossard. Gartenhistorische Untersuchung und Maßnahmen zur Wiederherstellung eines Künstlergartens.
Projektarbeit am Institut für Grünplanung und Gartenarchitektur der Universität Hannover

FOK, Oliver (1996): Johann Michael Bossard. Einführung in Leben und Werk. Ehestorf (Schriftenreihe des Freilichtmuseums am Kiekeberg, Band 21)

Zuger Kunstgesellschaft Zug [Hrsg.] (1986): Johann Michael Bossard. Ein Leben für das Gesamtkunstwerk. Zug und Oldenburg

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