Wohnhaus und Kunsttempel der Kunststätte Bossard
Die sich daraus ergebenden veränderten Möglichkeiten zum Erhalt und zur Pflege des Parks waren Anlaß für die Verfasser, sich im Rahmen einer Projektarbeit am Institut für Grünplanung und Gartenarchitektur der Universität Hannover mit der Entstehung und Entwicklung der Anlage, sowie deren heutigem Zustand und angemessenen Maßnahmen zur Erhaltung und Wiederherstellung des Parks zu beschäftigen.
Bestandsplan der Anlage 1998
Die Gestaltung des Gartens folgt den individuellen Kriterien eines Bildhauers und Malers. Die verschiedenen Elemente des Gartens sind innenbezogen, was auch dem introvertierten Charakter Bossards entspricht. So wird die gesamte Anlage von bis zu vier grenzparallelen Baumreihen eingefaßt. Die eigentlichen Elemente, wie das Omega oder der Baumtempel, bilden erneut in sich abgeschlossene Räume. Da die Gestaltung gänzlich auf befestigte Wege verzichtet, verstärkt sich der Eindruck der Abfolgen unterschiedlicher Räume.
Bossard wählte besonders kontrastreiche Gehölze nach ihrer Form- und Farbwirkung aus, z.B. im Einsatz von Fichten und Birken. Die Bildwirkung und die Erlebbarkeit der einzelnen Gartenelemente ist heute jedoch beeinträchtigt, denn die Fichten sind ausgewachsen und unten verkahlt.Auf blühende Gehölze oder die Verwendung von Stauden wurde mit Ausnahme des Obst- und Blumengartens verzichtet.
Die einzelnen Gartenpartien sind nicht nur gestalterisch sondern auch funktional unterschiedlich. So stellt die Anlage nicht nur eine Kulisse für Skulpturen dar, sondern weist immer wieder bewußt verschlüsselte Inhalte auf. Dies trifft besonders auf die Bereiche zu, die einen gewissen mystisch-sakralen Charakter aufweisen (Omega, Monolithenallee, Baumtempel mit Tempelvorplatz) und damit den Besucher zum Nachdenken anregen.
Zustand der Monolithenallee um 1950
Zustand der Monolithenallee 1998
Andere Bereiche tragen der damaligen Notwendigkeit zur Selbstversorgung Rechnung (Obst- und Gemüsegärten, Acker und Tierhaltung). Hinzu kommen Bereiche, die einen eher privaten Charakter aufweisen und die Schönheit der Natur hervorheben, wie im Klostergarten, der Birkenlaube und der Heidelandschaft.
Bossard setzte sein individuelles Kunstverständnis über vielzählige Kunsttechniken wie Malerei und Bildhauerei hinaus auch mittels der Gestaltung einzelner Partien seines Gartens um. Somit ist der Bossardsche Garten als Teil einer begonnenen Vision eines Gesamtkunstwerkes anzusehen, während andere zeitgenössische Künstler ihre Gärten wohl überwiegend lediglich als Kulisse für ihre Kunst angelegt haben mögen. So nutzte beispielsweise der Bildhauer, Baumeister und Graphiker Bernhard Hoetger (1874-1949) den vorhandenen Platanenhain in der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe in Darmstadt, um darin Skulpturen aufzustellen. Auch Gartenanlagen bei Atelierhäusern von Künstlern, wie z.B. von Georg Kolbe (1877-1947) in Berlin oder Ernst Barlach (1870-1938) in Güstrow, dienten in erster Linie als Außenraum der Werkstatt, während Bossard auch seine Atelierräume und den Außenraum künstlerisch ausgestaltete. Darüber hinaus bezogen zeitgenössische Maler, wie z.B. Heinrich Vogeler (1872-1942) oder auch Claude Monet (1840- 1926), den Außenraum dahingehend in ihr Kunstschaffen ein, als daß der gestaltete Außenraum immer wieder als Motiv ihrer Malkunst diente.
Die besondere Bedeutung der Kunststätte Bossard liegt in ihrer eigenwilligen Gestaltung, einer Verbindung von Architektur, Malerei, Bildhauerei, Kunsthandwerk und Gartengestaltung, die mit ihren eklektizistischen Tendenzen Geistesströmungen der damaligen Zeit aufgreift. So kommt die Vision eines Kunsttempels, die Bossard 1925 in seiner "Werbeschrift an meine Freunde" erläutert, den Tempelentwürfen nahe, die Hugo Höppener (1868- 1948), ein eklektisch gerichteter Zeichner und häufig im Dienste von Reformbewegungen und mystisch-theosophischer Ideen stehender Künstler, um 1900 anfertigte. Das Erscheinungsbild des Wohnhauses und die Bewahrung und Integration eines Ausschnitts der Lüneburger Heide deuten auf damalige Bestrebungen des Heimatschutzes hin.
Die Gartenanlage des Bossardschen Gesamtkunstwerkes wurde seit ihrer Entstehung Anfang des Jahrhunderts nur geringfügig verändert. Aufgrund eingeschränkter Pflegemöglichkeiten werden seit dem Tod Bossards im Jahr 1950 die Elemente zunehmend in ihrer Ausdrucksstärke bedroht. Die Verfasser schlagen deshalb notwendige Maßnahmen vor, um die Anlage zu restaurieren und langfristig zu erhalten.
Maßnahmenplan aus Bratner/Möller, 1999
Diese stützen sich dabei überwiegend auf ergänzende Nachpflanzungen, um die stellenweise bereits verlorengegangene Raum- und Bildwirkung der Elemente wieder zum Vorschein zu bringen. Ebenso wichtig sind Auslichtungen und Regenerationsmaßnahmen, z.B. im Bereich des oben bereits erwähnten, aus Fichten gepflanzten Buchstaben Omega im nördlichen Gartenteil. Die veränderten Möglichkeiten, die sich seit 1995 durch die Einrichtung der Stiftung "Kunststätte Johann und Jutta Bossard" bieten, sollten im Interesse der Erhaltung des Kulturdenkmales genutzt werden.
Lesehinweise:
BRATNER, Wenzel und MÖLLER, Sina (1999): Kunststätte Bossard. Gartenhistorische Untersuchung und
Maßnahmen zur Wiederherstellung eines Künstlergartens.
Projektarbeit am Institut für Grünplanung und Gartenarchitektur der Universität Hannover
FOK, Oliver (1996): Johann Michael Bossard. Einführung in Leben und Werk. Ehestorf (Schriftenreihe des Freilichtmuseums am Kiekeberg, Band 21)
Zuger Kunstgesellschaft Zug [Hrsg.] (1986): Johann Michael Bossard. Ein Leben für das Gesamtkunstwerk. Zug und Oldenburg